Ethische Aspekte

Dr. Dr. med. M. Siessegger im Interview zu ethischen Hintergründen und neuen Trends der Schönheitschirurgie im Rahmen des Forums "Symposium of Aesthetic surgery" in Ravensburg am 14.11.2007

aesthetic experts
Die Schönheitschirurgie steht nicht immer in einem guten Licht. Wieso gibt es immer wieder Diskussionen um die Rechtfertigung einer Medizin, die im Wesentlichen die Eitelkeit unserer Gesellschaft bedient?

Dr. Dr. M. Siessegger
Das ist richtig. Gerade die Medien zeigen in den letzten Jahren die ästhetische Chirurgie zunehmend als ein Dienstleistungsgewerbe, das die Wünsche ihrer Klienten zum Ausgangspunkt für zum Teil zweifelhafte Operationen macht.

Kritiker behaupten auch häufig, Ästhetische Chirurgen hätten sich vom medizinischen Kernauftrag der Leidenslinderung verabschiedet und fungieren stattdessen als reine Dienstleistungsanbieter auf Wunsch.

Natürlich stellt sich in ethischer Hinsicht bei jedem Patienten erneut die mitunter nicht leicht zu beantwortende Frage, ob eine chirurgische Behandlung überhaupt gerechtfertigt sein kann.

Selbstverständlich plädiere ich dafür, dass jeder Ästhetische Chirurg in aufrichtiger Weise darum wirbt, den Wert des Menschen nicht auf seine äußere Erscheinung zu reduzieren.

Aus meiner Sicht ist die ethische Rechtfertigung nur dann gegeben, wenn der Behandler von seinem Patienten als ein nachvollziehbar leidender Mensch angerufen wird, der sich vertrauensvoll an ihn wendet.
Dieser muss nach kritischer Prüfung der Situation sein Können in den Dienst des Mitmenschen stellen, ohne Ansehen der Person, ohne Ansehen der wirtschaftlichen Möglichkeiten des Patienten und ohne Eigeninteresse des Arztes.

Das ist aus meiner Sicht die Grundlage dafür, dass sich die Ästhetische Medizin eben nicht als ökonomisch orientierte und marktgeleitete Disziplin, sondern als genuin ärztliche Institution darstellen kann.
So lange die ästhetische Medizin diese aufrichtige Aufklärungsarbeit vernachlässigt, wird sie immer wieder in Diskussionen gedrängt.

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Wenn es nach Ulla Schmidt geht, dann sollen Ärzte in Zukunft ihre Kassenpatienten melden müssen, wenn es infolge von Schönheitsoperationen, Tätowierungen oder Piercings zu Gesundheitsschäden gekommen ist. Auf diese Weise könnten die Patienten durch ihre Kassen für Behandlungskosten in Regress genommen werden. Was halten Sie davon?

Dr. Dr. M. Siessegger
Das ist bezeichnend für unsere Regierung und aus meiner Sicht unüberlegter und letztlich dummer Aktionismus. Wenn man glaubt, dass man Menschen durch Restriktionen und Angstmache von Ihrem Bedürfnis nach Veränderung im Sinne von Tätowierungen und schönheitschirurgischen Eingriffen abzubringen, ist das natürlich ein falscher Weg. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an das kürzlich erlassene Verbot der Präsentation von sog. Vorher-Nachher-Bildern für Ärzte, z.B. im Internet. Was ist das denn für ein intellektueller Hintergrund, wenn man glaubt, das Internet deutschlandbegrenzt für Interessenten eines bestimmten Themas limitieren zu können?

Und was sind das für Gedanken, Patienten womöglich zu verängstigen und davon abzuhalten, sich bei gesundheitlichen Beschwerden an den Arzt ihres Vertrauens zu wenden, weil sie davon ausgehen müssten, dass der Mediziner sie denunziert und dadurch unkalkulierbare Kosten gegen sie geltend gemacht werden? Die Verantwortlichen täten gut daran, derartige Einfälle schnell wieder zu vergessen und sich darum zu bemühen, was unserer Gesellschaft an unzähligen Stellen fehlt, nämlich Transparenz, Bildung und Information.

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Gehen Sie davon aus, dass die Aesthetische Chirurgie ähnlichen Zulauf bemerken wird, wie sich das in den USA und in Südamerika in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt hat?

Dr. Dr. M. Siessegger
Ich denke nicht, dass man so einfach sagen kann, die amerikanische Gesellschaft würde uns vorgeben und vorleben, was mit Verzögerung dann unsere westeuropäische Gesellschaft bewegen wird. Für mich sind die Europäer meist kritischer und differenzierter und lassen sich nicht in gleicher Weise von Trends und kulturellen Strömen leiten. Das ist sicher ein Grund, warum die Aesthetische Medizin bei weitem noch nicht den Stellenwert-, und auch den Respekt erhalten hat, der ihr im angloamerikanischen Raum seit langem zukommt. Die Operationszahlen aktueller Studien zu schönheitschirurgischen Eingriffen in westeuropäischen Ländern bestätigen dies.
Natürlich sind auch andere Ursachen, z. B. die Differenzen zwischen einzelnen deutschen medizinischen Gesellschaften nicht gerade zuträglich für ein seriöses Bild der Ästhetischen Chirurgie.

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Sind aktuelle Trends in der Aesthetischen Chirurgie-, speziell in Deutschland zu erkennen?

Dr. Dr. M. Siessegger
Interpretiert man die neusten Untersuchungen und Zahlen großer Studien in unserem Land, dann kann man vielleicht sagen, dass der enorme Zuwachs von Faltenbehandlungen mit Botulinumtoxin A (BOTOX® oder VISTABEL®) ebenso wie die Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Fettabsaugungen einen Hinweis dafür geben, dass ein Trend hin zu kleinen und schonenden Eingriffen erkennbar ist.

Langfristig ist sicher davon auszugehen, dass mit verbesserten Techniken, zunehmender Akzeptanz und angemessener Kollegialität die Aesthetische Medizin eine gute Zukunft hat.

aesthetic experts
Vielen Dank für das Gespräch.